Anleitung

So funktioniert der Sokratische Weg

 
 

Leitfaden für ein erfolgreiches Gespräch

Jedes Gespräch ist einzigartig. Die folgende Anleitung soll daher nicht als pauschal anwendbare Handlungsanweisung dienen, sondern als genereller Leitfaden.

Das Ziel ist ein gemeinsames Reflektieren über eine bestimmte Überzeugung des Gesprächspartners und deren Gründe. Es geht also nicht darum, Menschen von bestimmten Ansichten abzubringen oder zu überzeugen.

Entscheidend beim Sokratischen Weg ist, dass Sie Ihre eigenen Ansichten nicht in das Gespräch einfließen lassen. Das gilt unabhängig davon, ob Sie die Überzeugung Ihres Gegenübers teilen oder nicht. So ist der Gesprächspartner eher bereit, offen über seine Position zu sprechen, und verspürt nicht das Bedürfnis, sich argumentativ rechtfertigen zu müssen.

Eine solche offene und kooperative Gesprächsatmosphäre schafft die Voraussetzungen, gemeinsam über die Zuverlässigkeit der Gründe für die Überzeugung nachzudenken. Dabei besteht die Möglichkeit, dass der andere seinen Standpunkt noch einmal grundsätzlich hinterfragt.

Ihr Gesprächspartner sollte sich wohl genug fühlen, um zuzugeben, wenn er die Frage auf eine Antwort nicht weiß oder noch nie darüber nachgedacht hat. Dafür ist es wichtig, dass Sie eine gewisse Vertrauensbasis für das Gespräch aufbauen, die man auch Rapport nennt. Es kann helfen, vor dem Gespräch zuerst noch ein bisschen Smalltalk zu machen und über Dinge zu sprechen, die nichts mit der Überzeugung zu tun haben, die man untersuchen möchte.

Erklären Sie, was der Sokratische Weg ist, und stellen Sie sicher, dass Ihr Gesprächspartner einverstanden ist, ein Gespräch dieser Art mit Ihnen zu führen.

Fragen Sie Ihren Gesprächspartner nach einer für ihn wichtigen Überzeugung und bitten Sie ihn, diese möglichst kurz und prägnant zu formulieren. Lassen Sie sich zentrale Begriffe genau erklären, selbst wenn deren Bedeutung Ihnen offensichtlich erscheint. Verwenden Sie für das weitere Gespräch die Begriffe so, wie Ihr Gegenüber sie versteht. Falls Ihr Verständnis davon abweicht, widerstehen Sie dem Drang, sie zu korrigieren.

Geben Sie anschließend das Gehörte mit eigenen Worten wieder und bitten Sie ihr Gegenüber, eventuelle Missverständnisse richtigzustellen. Diese Technik des Spiegelns vermittelt zum Einen aufrichtiges Interesse und stellt zum Anderen ein klares Verständnis sicher.

Grad der Gewissheit

Es kann hilfreich sein, den Gesprächspartner nach dem Grad seiner Gewissheit zu fragen, dass die Überzeugung tatsächlich der Wahrheit entspricht. Sie können z.B. eine Skala von 0 bis 100 oder von „sehr unsicher” bis „sehr sicher” verwenden. Das zeigt auf, dass es in dieser Hinsicht großen Spielraum gibt, und eröffnet Ihnen zudem die Möglichkeit, sich am Ende des Gesprächs zu erkundigen, ob sich am Grad der Gewissheit etwas geändert hat.

Menschen haben oft viele Gründe dafür, eine Überzeugung für wahr zu halten. Fragen Sie daher gezielt nach dem wichtigsten Grund. Wiederholen Sie diesen, um sicherzugehen, dass sie ihn richtig verstanden haben. Fragen Sie anschließend, ob sich der Grad der Gewissheit Ihres Gegenübers reduzieren würde, wenn dieser Grund wegfallen würde. Wenn nicht, scheint es sich nicht um den wichtigsten Grund zu handeln; fragen Sie weiter, bis Sie einen Grund gefunden haben, dessen Wegfall den Grad der Gewissheit reduzieren würde.

Wenn Ihr Gesprächspartner auf der Gewissheitsskala einen Wert kleiner als das Maximum angegeben hat, können Sie alternativ oder zusätzlich auch nach den Gründen hierfür fragen: Was verringert den Grad der Gewissheit? Was müsste geschehen, damit Ihr Gesprächspartner sich sicherer würde, dass seine Überzeugung wahr ist?

Nun geht es um die zentrale Frage: Wie zuverlässig sind die Gründe, die Ihr Gesprächspartner angegeben hat, weshalb er zu dem Ergebnis kommt, dass seine Überzeugung stimmt? Hypothetisch angenommen, die Überzeugung wäre nicht wahr: Wie könnte er das herausfinden? Gibt es irgendeinen Test, den er durchführen könnte, um das zu überprüfen?

Outsider Test of Faith
Manchmal findet man heraus, dass der Gesprächspartner eine Methode anwendet, die verschiedene Schlussfolgerungen zulässt. Religiöse Menschen nennen zum Beispiel manchmal den Glauben selbst (engl. faith), wenn man sie fragt, woher sie wissen, dass ihre Glaubensüberzeugung wahr ist. In diesem Fall kann man den sog. Outsider Test of Faith (etwa: Außenstehenden-Glaubenstest) anwenden. So könnten entsprechende Fragen aussehen:

Wenn eine hypothetische dritte Person dieselbe Methode anwenden würde, um richtige von unrichtigen Schlussfolgerungen zu unterscheiden, aber zu einer anderen Überzeugung gelangen würde – was sagt das über die Zuverlässigkeit der Methode aus? Wie könnte ein Außenstehender unterscheiden, ob Sie richtig liegen oder diese Person?

Finden Sie einen guten Zeitpunkt, um das Gespräch zu beenden.

Dieser Schritt wird oft unterschätzt. Eine wichtige Regel lautet (vor allem am Anfang): Ein Gespräch sollte nicht zu lange dauern; im besten Fall nicht länger als 20–30 Minuten. Falls es während des Gesprächs zu einem Moment kommt, in dem Ihr Gesprächspartner länger nachdenken muss, einen Moment ratlos ist (Aporie), kann das ein hervorragender Zeitpunkt sein, sich für das Gespräch zu bedanken und es damit zu beenden.

Rufen Sie sich ins Gedächtnis: Das Ziel des Gesprächs ist es, gemeinsam über die Überzeugung zu reflektieren; nicht darum, den anderen von Ihrer eigenen Ansicht zu überzeugen. Ideal ist es, wenn Ihr Gegenüber über eine besonders knifflige Frage auch nach dem Ende des Gesprächs noch länger nachdenkt. Vielleicht führen Sie noch ein oder sogar zahlreiche weitere Gespräche.

Wenn Sie den Sokratischen Weg richtig anwenden, machen diese Gespräche sowohl Ihnen als auch Ihrem Gesprächspartner Spaß. Nicht selten freuen sich Leute darüber, dass Ihnen überhaupt mal jemand in Ruhe zuhört, statt ihnen schon nach wenigen Sätzen ins Wort zu fallen und sie mit Gegenargumenten zu bombardieren.

Vortrag über Street Epistemology

Wenn Sie mehr über die theoretischen Grundlagen des Sokratischen Weges (engl.: Street Epistemology) erfahren möchten, empfehlen wir Ihnen den Vortrag von Janosch Rydzy für die gbs Karlsruhe: