Anleitung

So funktioniert der Sokratische Weg

 
 

Grober Aufbau eines SE-Gesprächs

FÜR TEXT, SIEHE VERSION VON JR.

Ziel des Sokratischen Wegs ist, die epistemische Grundlage einer bestimmten Überzeugung zu untersuchen (und zu verbessern??).

Der Sokratische Weg zielt nicht darauf ab, Menschen von bestimmten Ansichten abzubringen oder zu überzeugen.

Beginnen Sie das Gespräch mit dem Ziel, die Position Ihres Gesprächspartners sowie seine Gründe möglichst gut zu verstehen. Selbst wenn Sie persönlich sicher sind  dass Ihr Gegenüber sich täuscht, ist es bei starken Überzeugungen, die einem Menschen wichtig sind, nicht nur unrealistisch, ihn mit einem Gespräch vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Diese Absicht steht einem produktiven Austausch sogar im Wege. Sollten Sie mit Ihrem Gesprächspartner gemeinsam entdecken, dass seine Gründe nicht so stichhaltig sind, wie er bislang dachte, dann kann das eventuell dazu führen, dass nochmal gründlich darüber nachzudenken beginnt. Das ist die notwendige Grundvoraussetzung dafür, dass man eine feste Überzeugung womöglich irgendwann später als Irrtum erkennt (falls sie denn eine ist).

Das Ziel ist ein gemeinsames Reflektieren über die Überzeugung des Gesprächspartners und seine Gründe dafür, warum er diese für wahr hält.

Ihr Gesprächspartner sollte sich wohl genug fühlen, um zuzugeben, wenn er die Frage auf eine Antwort nicht weiß oder noch nie darüber nachgedacht hat. Dafür ist es wichtig, dass Sie eine gewisse Vertrauensbasis für das Gespräch aufbauen, die man auch Rapport nennt. Es kann helfen, vor dem Gespräch zuerst noch ein bisschen Smalltalk zu machen und über Dinge zu sprechen, die nichts mit der Überzeugung zu tun haben, die man untersuchen möchte. Was das genau ist, hängt sehr von den Umständen ab: Sind Sie verwandt oder befreundet? Kennen Sie sich schon lange? Haben Sie sich länger nicht gesehen?

Erklären Sie, was der Sokratische Weg ist, und stellen Sie sicher, dass Ihr Gesprächspartner einverstanden ist, ein Gespräch dieser Art mit Ihnen zu führen.

Bitten Sie Ihren Gesprächspartner, seine Überzeugung möglichst kurz und prägnant zu formulieren. Notieren Sie sich diese Formulierung und lassen Sie sie sich anschließend genauer erklären. Fragen Sie bei zentralen Begriffen nach der Definition, die Ihr Gesprächspartner verwendet, auch wenn Sie denken, dass klar sein sollte, was damit gemeint ist. Geben Sie anschließend mit eigenen Worten wieder, was Sie verstanden haben, und bitten Sie ihr Gegenüber, Sie zu korrigieren, falls es ein Missverständnis gab.

Optional: Grad der Gewissheit

Es kann hilfreich sein, den Gesprächspartner auf einer vorgegebenen Skala angeben zu lassen, wie groß seine Gewissheit ist, dass die Überzeugung tatsächlich der Wahrheit entspricht. Welche konkrete Skala Sie verwenden, ist nicht entscheidend; es kann eine numerische Skala von 0 bis 100 oder von 1 bis 7 sein oder eine verbale Skala (von “sehr unsicher” bis “sehr sicher”). Erklären Sie jedoch, was Sie mit den jeweiligen Werten meinen: Bedeutet etwa der kleinste Wert, dass man völlig unsicher ist und maximale Zweifel hat, oder dass man völlige Gewissheit hat, dass die Überzeugung unwahr ist?

Menschen haben oft viele Gründe dafür, eine Überzeugung für wahr zu halten. Fragen Sie daher gezielt nach dem wichtigsten Grund. Wiederholen Sie diesen, um sicherzugehen, dass sie ihn richtig verstanden haben. Fragen Sie anschließend, ob sich der Grad der Gewissheit Ihres Gegenübers reduzieren würde, wenn dieser Grund wegfallen würde. Wenn nicht, scheint es sich nicht um den wichtigsten Grund zu handeln; fragen Sie weiter, bis Sie einen Grund gefunden haben, dessen Wegfall den Grad der Gewissheit reduzieren würde.

Wenn Ihr Gesprächspartner auf der Gewissheitsskala einen Wert kleiner als das Maximum angegeben hat, können Sie alternativ oder zusätzlich auch nach den Gründen hierfür fragen: Was verringert den Grad der Gewissheit? Was müsste geschehen, damit Ihr Gesprächspartner sich sicherer wäre, dass seine Überzeugung wahr ist?

Nun geht es um die zentrale Frage: Wie zuverlässig sind die Gründe, die Ihr Gesprächspartner angegeben hat, weshalb er zu dem Ergebnis kommt, dass seine Überzeugung stimmt? Hypothetisch angenommen, die Überzeugung wäre nicht wahr: Wie könnte er das herausfinden? Gibt es irgendeinen Test, den er durchführen könnte, um das zu überprüfen?

Outsider Test of Faith
Manchmal findet man heraus, dass der Gesprächspartner eine Methode anwendet, die verschiedene Schlussfolgerungen zulässt. Religiöse Menschen nennen zum Beispiel manchmal den Glauben selbst (engl. faith), wenn man sie fragt, woher sie wissen, dass ihre Glaubensüberzeugung wahr ist. In diesem Fall kann man den sog. Outsider Test of Faith (etwa: Außenstehenden-Glaubenstest) anwenden. So könnten entsprechende Fragen aussehen:

Wenn eine hypothetische dritte Person dieselbe Methode anwenden würde, um richtige von unrichtigen Schlussfolgerungen zu unterscheiden, aber zu einer anderen Überzeugung gelangen würde – was sagt das über die Zuverlässigkeit der Methode aus? Wie könnte ein Außenstehender unterscheiden, ob Sie richtig liegen oder diese Person?

Finden Sie einen guten Zeitpunkt, um das Gespräch zu beenden.

Dieser Schritt wird oft unterschätzt. Eine wichtige Regel lautet (vor allem am Anfang): Ein Gespräch sollte nicht zu lange dauern; im besten Fall nicht länger als 20–30 Minuten. Falls es während des Gesprächs zu einem Moment kommt, in dem Ihr Gesprächspartner länger nachdenken muss, einen Moment ratlos ist (Aporie), kann das ein hervorragender Zeitpunkt sein, sich für das Gespräch zu bedanken und es damit zu beenden.

Rufen Sie sich ins Gedächtnis: Das Ziel des Gesprächs ist es, gemeinsam über die Überzeugung zu reflektieren; nicht darum, den anderen von Ihrer eigenen Ansicht zu überzeugen. Ideal ist es, wenn Ihr Gegenüber über eine besonders knifflige Frage auch nach dem Ende des Gesprächs noch länger nachdenkt. Vielleicht führen Sie noch ein oder sogar noch zahlreiche weitere Gespräche.

Wenn Sie den Sokratischen Weg richtig anwenden, machen diese Gespräche sowohl Ihnen als auch Ihrem Gesprächspartner Spaß. Nicht selten freuen sich Leute darüber, dass Ihnen überhaupt mal jemand in Ruhe zuhört, statt ihnen schon nach wenigen Sätzen ins Wort zu fallen und sie mit Gegenargumenten zu bombardieren.